Ein Thema, dass durch den Krieg im ehemaligen Jugoslawien aktuell wurde. Es wurde in der Presse von den Vergewaltigungslagern berichtet, von den Massenvergewaltigungen, denen 10.000de von Frauen zum Opfer fielen. Wieder und wieder.
Aber jetzt, wo der Krieg nicht mehr so im öffentlichen Interesse liegt, werden auch die Vergewaltigungen vergessen. Es werden die Frauen vergessen, die unter den Folgen zu leiden haben. Denn selbst, wenn es zu einem Waffenstillstand kommt, ist der Leidensweg der Frauen noch lange nicht zu Ende.
Und damit sie nicht vergessen werden, möchte ich hier ein wenig über dieses umfassende Thema informieren und Möglichkeiten aufweisen diesen Überlebenden Hilfe zukommen zu lassen.
Vergewaltigungen in der Kriegsgeschichte
Vergewaltigungen im Krieg tauchten nicht erst im Krieg im ehemaligen Jugoslawien auf. Sie waren "Begleiterscheinungen" in jedem Krieg.
- Im Frühjahr 1945 wurden im Raum Berlin nach vorsichtigen Schätzungen 110.000 Frauen vergewaltigt. Andere Schätzungen nennen eine Zahl von 900.000 vergewaltigten und mißhandelten Frauen (ibd., S. 46ff.).
- Massenvergewaltigungen in Bangladesh fielen 1971 ca. 200.000 Frauen zum Opfer.
- Als die japanischen Streitkräfte im Dezember 1937 die chinesische Stadt Nanking einnahmen, wurden im ersten Monat nach der Besatzung rund 20.000 Frauen vergewaltigt, sexuell gefoltert und ermordet. Die Vergewaltigungen nahmen solche Ausmaße an, daß als Reaktion darauf in der Presse bald nicht mehr von der Einnahme, sondern der Vergewaltigung Nankings gesprochen wurde (Brownmiller 1978, S. 65; vgl. auch Friedmann 1972, S. 1060f.).
Vorraussetzungen
Haß auf Frauen
Neben allen anderen Motiven bleibt Vergewaltigung ein extremer Gewaltakt von Männern gegen Frauen, der ohne Feindseligkeit gegenüber Frauen nicht möglich wäre. So steht neben den Vergewaltigungen auch der weibliche Körper im Mittelpunkt von Haß und Gewalt. So wurden Frauen nach der Vergewaltigung die Brüste abgeschnitten und die Bäuche aufgeschlitzt. (Sabalic 1992)
Frauen werden in der Einschätzung von Brownmiller im Krieg nicht nur deswegen vergewaltigt, "weil sie zum Feindeslager gehören, sondern weil sie Frauen und deshalb Feinde sind" (Brownmiller 1978, S. 69).
Die Massenvergewaltigungen des Zweiten Weltkrieges und die in Jugoslawien bestimmen und beeinflussen über die Zeiten und Grenzen hinweg die Position, die Identität und das Selbstgefühl von Frauen
Sitten im Militär
Einer der Gründe, warum es für Männer attraktiv ist, Soldat zu werden, besteht darin, daß damit eine Bestätigung und Bestärkung von Männlichkeit verbunden ist (vgl. Seifert 1991).
Unter den Soldaten werden sogenannte "weibliche" Eigenschaften als minder betrachtet, wie z.B. Empathie, Mitgefühl, Angst. Werden in Extremsituationen Gefühle dennoch ausgelöst, so rufen sie einen Affekt gegen Weiblichkeit hervor. In der Folge greifen viele Soldaten zum kulturell bereitgestellten "männlichen" Lösungsangebot:
der Gewalt, die dann zur spezifischen sexuellen Gewalt gegen Frauen wird (Smith 1992, S. 135f.).
Vergewaltigt wird in jedem Krieg. Vergewaltigungen scheinen zum Soldatenleben dazuzugehören und eine "normale Begleiterscheinung" von Kriegen zu sein. Es heißt, daß Soldaten Frauen einfach brauchen, weil sie so lange Zeit "enthaltsam" leben müssen, und daß das "Nehmen" einer Frau in der männlichen Sexualität angelegt ist. Doch das sind nur die üblichen Entschuldigungen für Kriegsvergewaltigungen.
Zudem herrscht auch ein starker Gruppenzwang. Dies wird z.B. in den Berichten über Gruppenvergewaltigungen seitens der Amerikaner in Vietnam deutlich. Zusätzliche Grausamkeiten am Opfer wurden als ein Wettbewerb um mehr Männlichkeit aufgefaßt. Und in einem bekannt gewordenen Fall wurde ein Soldat, der sich geweigert hatte, sich an einer Vergewaltigung zu beteiligen, von seinem Einsatzleiter als Schwuler und Schwächling verspottet (Brownmiller 1978, S. 105f.).
"Freiraum Krieg"
Kriegs- und Krisenzeiten lassen die ohnehin schon brüchigen und durchlässigen Hemmschwellen gegenüber direkter sexueller Gewalt eindeutig absinken (Pohl 1992, S. 161). Nicht nur direkt im Kriegsgebiet, sondern allgemein in der Bevölkerung.
Im Krieg hat es keinen Einfluß, ob für die Soldaten andere Frauen zur sexuellen Verfügung stehen, z.B. in Bordellen, erklärte ein Mitglied des Obersten Militrgerichtes in Washington (vgl. Brownmiller 1978, S. 80). Viele Männer ziehen im "Freiraum Krieg" Vergewaltigungen einfach vor. Worum es geht ist nicht Sexualität, sondern die Ausübung sexueller, geschlechtsspezifischer Gewalt.
Am Ende von Kriegen halten die sexuellen Gewaltorgien gegen Frauen in aller Regel ein bis zwei Monate an und klingen dann ab (so z.B. in Berlin 1945 und in Nanking 1937).
Vergewaltigungen gehören zur Strategie
Die Opfer in der Zivilbevölkerung nehmen von Krieg zu Krieg zu (vgl. Gabriel 1990, S. 14; Nordstrom 1991). Im Rahmen dieses systematischen Einbezugs der Zivilbevölkerung gibt es Hinweise, daß der Angriff auf Frauen eine bewußte militärische Taktik ist.
Gruppenvergewaltigungen
Bei den Vergewaltigungen im Krieg des ehemaligen Jugoslavien handelt es sich nicht um individuelle Vergewaltigungen, sondern um Gruppenvergewaltigungen. Diese stellen keinen primär sexuellen, sondern einen primär aggressiven Akt dar, der sexuelle Akt ist Ausdruck der Aggression und hat den Zweck, die menschliche Würde der Opfer zu zerstören, zu verletzen und zu erniedrigen. Dabei geht es nicht um die persönliche sexuelle Befriedigung des Vergewaltigers. Das Hauptziel von Gruppenvergewaltigungen ist es, Macht zu demonstrieren. Die Sexualität wird in diesen Fällen vielmehr instrumentell in den Dienst der Gewaltausübung gestellt (vgl. Feldmann ibd.; Groth/Hobson, ibd.).Zahlreich auftretende Gruppenvergewaltigungen stellen den Versuch dar, den politischen und militärischen Gegner systematisch zu brechen und zu vernichten.
Des weiteren geht es darum sich gegenseitig Männlichkeit zu beweisen. Häufig richtet sich auch die Reihenfolge der Vergewaltigung nach dem Status der Männer innerhalb der Gruppe.
1. Die "ethnische Säuberung"
- Vertreibung
Die Vergewaltigungen in Bosnien-Herzegowina unterscheiden sich von anderen Kriegsvergewaltigungen nur darin, daß sie einen spezifischen miliätrischen Sinn haben: die Vertreibung der Bevölkerung, die Erniedrigung und Ängstigung der Frauen und ihrer Familien, damit sie nie wieder in ihre Heimat zurückkehren.
- Zerstörung der Kultur
Frauen waren als taktisches Ziel in der Zivilbevölkerung von besonderer Bedeutung. Aufgrund ihrer kulturellen Position beziehungsweise ihrer Bedeutung in der Familienstruktur sind sie ein zentrales Angriffsziel, will man eine Kultur zerstören.
Der weibliche Körper wird häufig als symbolische Repräsentation des Volkskörpers angesehen. D.h., daß die Gewalt, die an den Frauen verübt wird, auf die körperlichen und personale Integrität einer Gruppe abzielt. Die Vergewaltigung von Frauen einer Gemeinschaft kann demnach als die symbolische Vergewaltigung des Körpers der Gemeinschaft betrachtet werden (ibd.).
So wurde von Seiten der Serben zunächst die Kulturdenkmäler zerstört. Dann die Intellektuellen gefangengenommen und in vielen Fällen getötet. Der dritte Schritt bestand dann in der Einrichtung von Vergewaltigungslagern für Frauen. Hier wurde nicht nur wahllos vorgegangen, vielmehr wird berichtet, daß die Serben in vielen Fällen mit Vergewaltigungslisten in die Ortschaften kamen und zuerst die Ehefrauen von Amts- und Statusträgern sowie intellektuelle Frauen selektierten (persönliche Mitteilung von Ines Sabalic, kroatische Journalistin).
- Auslöschen der Fortpflanzungsfähigkeit
Schließlich verfolgen Vergewaltigungen im ehemaligen Jugoslawien auch den Zweck, die Fortpflanzungsfähigkeit insbesondere der bosnischen Bevölkerung auszulöschen. Besonders gefährdet sind sehr junge Mädchen, die sowohl physisch als auch psychisch ganz besonders verletzbar sind. Bei ihnen liegt dementsprechend die Todesrate weitaus höher als bei erwachsenen Frauen.
Aufgrund der extremen physischen und psychischen Traumatisierung bei den Überlebenden kann davon ausgegangen werden, daß diese Frauen und Mädchen keine Kinder mehr gebären werden.
Dasselbe gilt für Frauen, die mit einem unvorstellbaren Maß an Gewaltanwendung zu sexuellen Akten gezwungen wurden (vgl. Kahlweit 1993, S. 47).
Botschaft "von Mann zu Mann"
Die Vergewaltigung von Frauen trägt eine zusätzliche Botschaft mit sich: Sozusagen von Mann zu Mann ergeht die Mitteilung, daß die Männer im Umkreis der betroffenen Frauen nicht imstande sind, "ihre" Frauen zu beschützen. Damit werden sie in ihrer Männlichkeit getroffen.
Diese Kommunikationsfunktion zeigte sich deutlich, wenn im ehemaligen Jugoslawien Busse mit Frauen im sechsten, siebten oder höheren Schwangerschaftsmonaten über die feindlichen Linien zurückgeschickt wurden - meistens mit zynischen Aufschriften auf dem Fahrzeug über die zu gebärenden Kinder.
Häufig kommt es auch vor, daß die Männer aufgrund der Vergewaltigung die Beziehung zu ihren Frauen beendeten. Viele Frauen verschweigen auch aus diesem Grunde, daß sie vergewaltigt worden sind. (Sander/John 1992).
Das heißt: Männer sehen sich in ihrer Männlichkeit beeinträchtigt. Im Mittelpunkt steht die Auswirkung auf die Männer, nicht das Leiden der Frauen!
Schweigen
Über die Greueltaten gegen Frauen breitete sich bisher historisches Schweigen (Sander/John 1992). So waren z.B. die Massenvergewaltigungen im Zweiten Weltkrieg 50 Jahre lang kein Thema.
Auch dieses Schweigen hat eine tiefgehende kulturelle Bedeutung und ist keineswegs nur dem Zufall, der Peinlichkeit oder dem Schmerz der betroffenen Frauen geschuldet. Auch in der Geschichtsschreibung wird Vergewaltigung, obwohl sie in Kriegen ein Massenphänomen ist, als Einzelphänomen behandelt.
Durch dieses Unterdrücken oder auch "Naturalisieren" (sexueller Drang der Männer) von Vergewaltigungen verschwindet diese als extremer und struktureller Gewaltakt gegen Frauen aus dem kulturellen Gedächtnis. Beispielsweise indem Vergewaltigung als bedauerliche, aber "natürliche" und nicht weiter analysierbare Begleiterscheinung von Kriegen dargestellt oder trotz des massenhaften Vorkommens als nicht verallgemeinerbare "Ausrutscher" verrückter Horden interpretiert wird.
Im internationalen Recht wurde zwar als Reaktion auf die Kriegsbrutalitäten auf allen Seiten im Jahre 1949 der besondere Schutz von Frauen festgelegt. Dessenungeachtet fanden in allen Kriegen nach dem Zweiten Weltkrieg sexuelle Folter von Frauen und Massenvergewaltigungen statt, ohne daß dies in besonderer Weise an die Öffentlichkeit gelangt worden wäre.
Vereine, die helfen
Amica
Amica hilft in Bosnien e.V.
Habsburgerstraße 9
79104 Freiburg
Tel: 0761 / 556 92 51
Fax: 0761 / 556 92 52
Der Verein Amica hat zwei Hilfshäuser geschaffen, in denen vergewaltigte Frauen mit ihren Kindern aufgenommen werden können. Dort bekommen sie neben der psychischen Unterstützung auch langsam wieder das Gefühl von "normalen" Leben vermittelt. Die Plätze dort sind natürlich begrenzt und viel zu wenig, aber für mehr fehlen die finanziellen Mittel. Neben dieser inzwischen gut eingespielten psychosozialen Unterstützung der Frauen und Kinder haben sie neue Möglichkeiten gefunden, mit Schulunterricht, Kinderbetreuung, Erwerbsprojekten und Ausbildungsangeboten neue Perspektiven zu eröffnen.
Über die aktuellen Projekte des Vereins informiert ein Rundbrief, der gerne angefordert werden kann.
Gerade jetzt, wo viele Menschen für Kriegsflüchtlinge spenden, ist es auch wichtig langfristig zu denken! Den Frauen und Kindern eine neue Perspektive zu geben. Eine Spende, die sich lohnt!
Spendenkonto:
Amica e.V.
Ökobank Freiburg
Kto: 251 550
BLZ: 500 90 100
SEKA
SEKA Hamburg e.V.
Friedensallee 7 46
22765 Hamburg
Tel/ Fax: 040 - 39 90 56 53
Das Projekt Seka ist ein therapeutisches Erholungszentrum für Frauen und Kinder aus dem Ländern des ehemaligen Jugoslavien, die durch Krieg und Gewalt traumatisiert wurden, und ein Seminarhaus für Mitarbeiterinnen und Aktivistinnen aus dieser Region. Weiter Informationen über Seka (Faltblätter, Journale 1-3) werden auf Anfrage zugeschickt.
Spendenkonto:
SEKA Hamburg e.V.
Ökobank Frankfurt
Kto: 200 2000
BLZ: 500 901 00
Medica
Medica mondiale e.V.
Waisenhausgasse 65
50676 Köln
Tel: 0221 / 931 89 80
Fax: 0221 / 931 89 81
http://www.uni-passau.de/passau/Frauen/Medica.html
Quellen
- ich habe diesen Text komplett von einer Webseite übernommen, die bereits seit 2002 überhaupt nicht mehr online ist, gegenwehr.de. An einigen Stellen habe ich diesen Text ergänzt und erweitert.